Bürgergenossenschaft 2.0

181106 Leserbrief WKR Bludau

 

 

 

 

Aufgrund der jüngst veröffentlichten Leserbriefe zum Thema Genossenschaft möchte ich dazu erneut wie folgt Stellung nehmen:

1. Stichwort: Wesen der Genossenschaft Das Wesen einer Genossenschaft liegt üblicherweise nicht in der Errichtung und dem Verkauf von Immobilien oder Wohneigentum, sondern in der Errichtung von Wohnraum für die Genossenschaft selbst. Unter anderem deshalb habe ich auch in einem vorangegangenen Text andere Formen der gemeinschaftlichen Projektfinanzierung angerissen.

2. Stichwort: geringere Einlage durch Vorvermarktung:
Ich bezweifle, dass die Vermarktung aufgrund der vorliegenden Planungen überhaupt gelingt, u.a. da es mit ganz ähnlichen Konzepten schon mehrfach nicht geklappt hat. Falls es nun aber gelingen sollte, einzelne Wohnungen aus einen lediglich geplanten Speicherprojekt vor Projektstart zu verkaufen, wird das Geld erst nach Ende der Bautätigkeiten fließen. Verkäufer wäre die Genossenschaft als der Bauherr, der einerseits dem Käufer für die Herstellung der Wohnung als auch für die pünktliche Fertigstellung haftet. Andererseits haftet der Bauherr auch dem Bauunternehmer für die Zahlung dessen Rechnungen. Für beide Parteien, den Käufer einerseits und den Bauunternehmer andererseits, ist die Genossenschaft ein „unbeschriebenes Blatt“; die Bonität / Kreditwürdigkeit ist bei einer neu gegründeten Genossenschaft (wie bei jedem neuen Bauherrn im Gebiet von Millionenprojekten) quasi nicht vorhanden. Der neue Akteur „Genossenschaft“ wird auch bei keiner Bank ohne weiteres (= ohne Sicherheiten = ohne Eigenkapital = ohne eingezahlte Genossenschaftsanteile) kreditwürdig sein. Denn zu guter Letzt steht immer noch das Risiko der Baukosten-Unterschätzung im Raum, wenn ein 80 Jahre altes Gebäude umgebaut wird (bitte befragen Sie dazu auch die Aktivisten und Autoren im „Holznagel“-Redaktionsteam; höchstwahrscheinlich gibt es mehr Beispiele für teurer als geplante Sanierungsprojekte als für Projekte, die günstiger geendet sind). Als Folge dieser Umstände und Erkenntnisse wird eine Volleinzahlung der Genossenschaftsanteile die unumgängliche Bedingung für den Projektstart “Sanierung Speicher Bad Essen” sein.

3. Stichwort: Geschäftsführung Es muss ein Vorstand für die Wahrnehmung der Geschäftsführung gefunden werden, der für alle vorgenannten Themen verantwortlich ist: Mitgliederwerbung, Projektentwicklung mit Frau Oldenhage, die Abstimmung mit dem Bauämtern, die eigene Vermarktung der Wohnungen, Abschluss der Verträge mit dem Bauunternehmer, Kostencontrolling mit Frau Oldenhage, Entwicklung und Abschluss von notariellen Kaufverträgen, Entwicklung eines Businessplans (falls ein Bankkredit für die Bauzeit und/oder als dauerhafte Finanzierung beantragt wird), der Abschluss von Mietverträgen bei Management von Wohnungen im Eigenbestand, die Aufstellung von Jahresabschlüssen usw.. Das macht niemand, wenn die Einzahlung der Genossenschaftsanteile nicht gegeben ist.

4. Stichwort: halbe Einzahlung Falls alles vorangegangene nicht stimmt und die Genossenschaft durch glückliche Umstände mit z.B. der hälftigem Einzahlungssumme starten könnte – wer sind die 9.500 Einzahler, die jeder 500€ geben müssten, um 4,75 Mio.€ einzusammeln?

Natürlich wird es möglich sein, die Posten in einer Genossenschaft extern zu besetzen; wer sucht die richtigen Leute aus? Wie wird deren Vergütung ausgestaltet sein? Wann können sie anfangen? Und wer führt aktuell die Warteliste für die Wohnungs-Interessenten? Wer sind die starken Leute aus der BI, die in Rede stehen? Genießen sie das bereits vor der Genossenschaftsgründung notwendige Vertrauen? Können Referenzen für die Personalentscheidungen beigebracht werden oder gibt es Berater? Wer zahlt diese?

Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Genossenschaftskonzepts für den Bad Essener Speicher ist verschwindend klein. Dies wird von der BI verkannt. Trotzdem wird das Konzept den Bürgern wieder und wieder als Lösungsansatz vorgestellt. Bitte urteilen Sie selbst über die Seriosität dieses Vorgehens.

Nachsatz in eigener Sache: Ich kann als Bank- und Immobilienfachmann Erfahrungen auf der Bankseite vorweisen: die Bonitätsbeurteilung bei Kreditantragstellern war u.a. mein Beruf. Ich kann zudem Erfahrungen als Bauherr, in der Bewirtschaftung und in der Geschäftsführung eines Multimillionen-Projekts vorweisen. Das ich diese Erfahrungen habe, ist den Autoren der Leserbriefe bekannt; das Sie mir trotzdem öffentlich abgesprochen werden, ist bemerkenswert uns stilistisch mehr als fragwürdig.